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Cape Breton Ausflug

Herzlichen Glückwunsch, der 1000. Besucher hat sich am 10 Oktober 2006 auf meine Seite verirrt. An dieser Stelle vielen Dank für alle die nicht aus Versehen hier sind, vor allem an die Wiederholungstäter.
Aus gegebenem Anlass gleich eines vorweg:

Dieser Artikel ist wird nicht sonderlich lustig, eher sachlich. Falls Euch das zu langweilig ist schaut besser die neuen Bilder an!
So, jetzt aber…

Einer der Gründe, wenn nicht der Hauptgrund, warum ich seit Jahren nach Kanada wollte, ist die Landschaft. Bilder von diesem Land verleiten wahrlich zum Träumen und ich konnte es nicht erwarten endlich selbst einen Eindruck davon zu erhalten anstatt immer nur Abbildungen zu bewundern.

Antigonish selbst erinnert eher an eine typische amerikanische Kleinstadt, in der Polizisten sich um den besten Parkplatz vor dem Donutstand streiten. Jedoch befindet sich etwa 200km nördlich von hier ein Nationalpark, der meinem Bild von Kanada sehr, sehr nahe schien. Da ich wohl nach meinem Aufenthalt hier nicht mehr all zu oft sein werde beschloss ich also mein Geld zusammen zu kratzen und nach Cape Breton zu fahren.
Leider kamen wir hier erst spät los und erreichten am Samstag Nachmittag erst den Nationalpark. Wir entschieden und erst nach einer Bleibe für die Nacht zu suchen um nicht von militanten Stoßtrupps der hiesigen Eichhörnmiliz ausgeraubt zu werden oder von wilden Elschkühen im Schlaf das Gesicht gewaschen zu bekommen.
Da aber am Montag Thanksgiving war, welches hier der höchste Feiertag im Jahr ist (höher als Weihnachten) und zu dem an diesem verlängerten Wochenende noch zwei Großhochzeiten am Fuße des Nationalparkes stattfanden war alles, wirklich alles, ausgebucht.
Die nächste Übernachtungsmöglichkeit wäre ca. 1,5 Autostunden entfernt gewesen und hätte dafür auch nur das Taschengeld zweier kompletter Jahre gekostet. Was tun? Im Auto ist es nachts zu kalt, selbst mit Decke und Winterjacke. Zudem waren da noch die oben bereits erwähnten Parkbewohner…
Nun, wir entschlossen uns wagemutig in den Park aufzubrechen und nach Sonnenuntergang die Heimreise anzutreten.
Die Zeit bis dahin wollten wir mit dem Skylinetrip nutzen, auf welchem auch die meisten Bilder entstanden sind. Ich muss sagen, es war toll. Wir haben sogar einige Späher der Eichhörnmiliz gesehen. Die Tiere sind so zahm, dass sie in knapp einem Meter Entfernung, eine Nuss schälend sitzen bleiben und die Besucher betrachten als seien selbige die Schautiere. Erinnert an Kinobesucher, die auf ihren Logenplätzen Popcorn mampfen("Na, kleiner, dummer Touri, willste ne Nuss?"). Hätt nur noch gefehlt, dass die Tierchen uns füttern wollen. Leider ist keines unserer Beweisfotos etwas geworden :-( Dafür habe ich ein Bild von einer echten Elschkuuuuh. Ist en bissl schwer zu finden, schaut Euch mal die neuen Bilder an.

Auf dem Rückweg haben wir ein Paar getroffen, das bis auf einen Meter an den Elchen dran war (sie hatten sogar Beweisfotos). In jedem Fall war die Natur der Wahnsinn. Tiere zum anfassen, ohne Zäune, besser als jeder Zoo.
Auf dem Nachhauseweg habe ich einfach aus gut Glück an einem Bed’n Breakfast angehalten, leider hatten die nichts mehr frei… außer Einzelbetten!
War zwar ne enge Nacht, aber den nächste Tag sollte diese Strapazen vergessen machen. Vor Allem das Frühstück werde ich lange in Erinnerung behalten. Die Gäste des Hauses aßen alle am gleichen Tisch, immer vier bis sechs zugleich. Von den Besitzern wurden Ham and Eggs serviert und wir kamen mit ihnen und anderen Gästen ins Gespräch. Einheimische und Gäste interessierten sich sehr für uns. Wir wurden nach unserer Herkunft gefragt, warum wir in Kanada seien und was wir im Leben noch so vor hätten.
Es herrschte solch eine freundliche und vertraute Atmosphäre, dass man den Eindruck hatte nicht für die Übernachtung bezahlt zu haben, sondern bei Freunden übernachtet zu haben. Wir verließen das Haus mit dem Gefühl, das man auf der Heimfahrt nach einem wirklich gelungenen Familienfest bekommt.

Konnten wir samstags nur einen kleinen Teil des Cabot Trail erkunden, so fuhren wir Sonntag den ganzen Pfad entlang. Die dort gewonnenen Eindrücke haben mich wirklich beeindruckt, um kräftig zu untertreiben (ja, ich muss nicht immer nur übertreiben). Leider können selbst Bilder das Panorama nicht ansatzweise wiedergeben. Von Hügelketten, über bunte Wälder, welche von sattem Grün über Orange, Gelb bis hin zu feuerroten Blättern alles zu bieten hatten, bis zu Sandstränden, die den Vergleich mit der Karibik nicht scheuen müssen. Es war beeindruckend.

Noch ein paar lustige oder seltsam erscheinende Eindrücke für alle die durchgehalten haben.
Entfernungen werden in Cape Breton stets in Autominuten angegeben. Kilometerangaben sind hier extrem irreführend. Sogar einige Hinweisschilder verzichten auf KM-Angaben. Bei diesen engen Serpentinen brauch man für eine 50 km lange Strecke schon mal länger als für 70 km auf dem Highway.
Apropos Serpentinen…. vor allen Kurven gibt es Geschwindigkeitsangaben. Ob das Richtwerte oder Vorgaben sind habe ich noch nicht herausgefunden. Glaube aber eher Richtwerte. Meistens sind wir gut ein Drittel schneller gefahren. Wer fährt denn schon 25 km wenn man mit 50 bequem durchkommt?
Zudem war es sehr erstaunlich, dass dort um 20 Uhr die Bordsteine hochgeklappt wurden. Ungewöhnlich für eine Touristengegend.

So, geschafft. Gönnt Euren Augen eine Pause und genießt die wunderschönen Bilder.


Sven.


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2 Kommentare 11.10.06 04:13, kommentieren



Pest war gestern...

Fein. Gar lustig geht es hier in den letzten Tagen zu. Seit Anfang der Woche eine Rundmail an alle Studenten versendet wurde, in der man vor einer Epidemie warnte, brach hier am Campus die Hysterie aus. Anarchieähnliche Zustände, Studenten liefern sich Straßenschlachten, brennende Mülltonnen, umgeworfene und zu Straßenbarrikaden umfunktionierte Autos. Den ganzen Tag kreisen Helikopter über der Stadt und jeder, der Symptome des Virus zeigt wird vom Militär ohne Vorwarnung erschossen und anschließend verbrannt. Natürlich übertreibe ich ein wenig, aber ich finde es hier wirklich zum Totlachen. Nun mal der Reihe nach:
Wie gesagt erhielten alle Universitätsangehörige eine E-Mail, in welcher stand, dass an einer Universität im benachbarten Bundesstaat mehrere Fälle des Norwalkvirus (ähnlich dem Rotavirus) gemeldet wurden und zahlreiche Studenten ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten.
Betrachtet man die Hygiene (wenn man das hier noch so nennen kann) wundert mich das erst mal gar nicht. Auch Kopfläuse machen die Runde. An einer Uni….
Zurück zum Thema. Folge dieser Rundmail war eine doch spürbare Anspannung. Öffentliche Ereignisse wie Konzerte und andere soziale Treffen mit reger Beteiligung wurden abgesagt. Als dann aber tatsächlich die ersten Studenten an unserer Uni Durchfall und Erbrechen meldeten, war die leichte Anspannung doch recht schnell einer merklichen Unruhe gewichen. Das Virus war Thema Nummer eins. Die ersten Fälle stellten sich als harmlos heraus, zumindest ließ dies die Propagandaabteilung der Uni recht zügig verbreiten. Wie soll so ein Virus auch 500km überbrücken? Ich habe keine Ahnung und zum Interview wollte ich selbiges auch nicht laden. Wäre an sich kein großes Problem, denn mittlerweile sind auch hier die ersten Fälle bestätigt. Die Beunruhigung ist nun mittlerweile in der dritten Stufe angekommen. Von spürbarer Anspannung, über merkliche Unruhe zu nun verhaltener Panik. Die nächste Stufe, Anarchie mit Panik und offenem Überlebenskampf, welche ich in meinem Szenario eingangs schon schilderte, erwarte ich nicht ganz so gelassen zu Beginn dieser Woche.
Wundert mich doch etwas, dass die Vorlesungen noch statt finden. In jedem Fall fasse ich öffentlich Türen nicht mehr an und wasche mir sehr gründlich die Hände. Will ja nicht so enden wie die armen Betroffenen und eine Rennstrecke zwischen Bett und Toilette einrichten. Wobei… dann hat man eben mal Durchfall. Todesfolge ist eher selten. Man könnte aus dieser ganzen Hysterie schließen, es handele sich um Ebola und sämtliche Infizierten sind auf immer verloren.
Ihr findet das alles nicht lustig? Dann wartet mal die Privatversion der hier herrschenden Panik ab. Eine meiner Mitbewohnerinnen arbeitet im Krankenhaus und hat, gelinde gesagt, Panik als stünde der Sensemann hinter ihr. Gut, es ehrt sie, immerhin hat sie dem Krankenhaus gegenüber doch eine große Verantwortung. Doch stellt Euch vor: unsere Wohnung gleicht eher einem Stufe 5 Quarantäne Zelt als einer Wohnstätte für zivilisierte Menschen. Desinfektionssprays, Seifen, Warnhinweise… die passenden Schuzanzüge sind bestellt, kommen aber erst Dienstag. Wie gesagt, wenn ich so leben würde wie die Einheimischen hätte ich auch Angst. Man putzt eben nicht nur zwei Mal im Jahr den Fußboden, sonst kommen solche Sachen vor. Ich wurde auch genau instruiert. Als ich mich dann vorhin beim Wassertrinken vor lauter Grinsen verschluckte und laut Husten musste, wurde ich gleich mit deutlich unruhiger Stimme gefragt: “Are you sick?“ So nach dem Motto, der dumme Deutsche bekommt das alles nicht mit und Hygiene ist auch ein Fremdwort für ihn. Die sehen mich glaub als wandelndes Infektionsrisiko mit Todesfolge. Wenn die wüssten, wie meine Wohnung zu Hause aussieht….
Das Paradetheaterstück kam aber vorhin. Ich lach mich jetzt noch tot. Eine andere Mitbewohnerin kam von einem Treffen mit anderen Studenten nach Hause. Noch bevor sie die Schuhe aus hatte, bekam sie Desinfektionsspray von der beunruhigten Krankenhausmitarbeiterin in die Hand gedrückt. Und jetzt kommts: erzählt sie doch so ganz beiläufig, dass einer aus der Referatgruppe wahrscheinlich an dem Virus leidet, denn er fühle sich nicht so wohl. Die Reaktion darauf war zum Wegwerfen. Ihr hättet das Gesicht der anderen beiden sehen sollen. Als sie dann den Mund wieder zubekommen hatten, sicher aus Angst vor einer Ansteckung, haben sie das arme Mädel förmlich unter die Dusche verbannt. Da sich diese wiederum weigerte wird sie nun die ganze Zeit aufgezogen. Wie man es von kleinen Kindern kennt: „Geh weg, Du bist krank!“, oder „Mit Dir rede ich nicht, sonst steck ich mich an!“. Herrlich, welch eine Inszenierung. Kann einem fast Leid tun, so als Aussätziger der Gesellschaft.
Ach ja…. ich komme aus dem Schmunzeln nicht heraus. Welche Unterhaltung. Zumindest so lange, bis ich auch beim ersten Offiziellen Antigonish Toilettenlauf mitmache.
Um die Teilnahmechancen zu erhöhen gehe ich heute Abend, kein Witz, auf das erste Konzert, das seit einer Woche hier stattfindet. Lustig, oder? Erst Panik und dann doch Konzerte. Ach, als ich nach einer Übersetzung für den Namen des Virus gesucht habe, bin ich auf etwas Tolles gestoßen. Falls Ihr auch erleben wollt was hier gerade geboten ist, bestellt Euch das Virus einfach frei Haus. Hab gedacht ich trau meinen Augen nicht.



Ich geh dann mal… aufs Klooooooo

3 Kommentare 21.10.06 20:39, kommentieren