Extrablatt: Jeden Tag etwas Nicer

Zu den Vorlieben der Engländer gehören Wortspiele. Sie lieben ihre “puns” und haben einen derartigen Spaß damit, dass die Zeitungen geradezu mit verspielten Überschriften übersät sind. Keine Metapher und keine Redewendung ist vor den englischen Journalisten und ihrem Rausch sicher. Einmal ist jede dran. Da wird kredenzt was die Semantik hergibt. Man gewinnt den Eindruck, es gehe dabei um einen Kreativitätswettbewerb. Natürlich ist die Anzahl an Sprichwörtern begrenzt, was den Neuerfindungen schon zu Zeiten des Pyramidenbaus Grenzen setzte. Stört aber keinen, wenn eine Redewendung zum 589. als Überschrift missbraucht wird. So werden Berichte über die Landschaft um die Grafschaft Essex mit “Essex Appeal” betitelt, ein Bio-Bauer wird kurzerhand zum “King of Spades” (Spade->Spaten, King of Spades eigentlich der Pik-König im Kartenspiel). Gar köstlich, dieser britische Humor. Aber man muss ja jede Möglichkeit zum Schmunzeln nutzen, sonst hat man auf dieser Insel wohl üblicherweise nichts zu lachen. Und da ich gerade bei den Medien bin: Sicherlich hat jeder schon das ein oder andere Mal von der renommierten Tageszeitung “Times” gehört und ich frage mich allen Ernstes, weshalb dem so ist. Selbst unsere Provinzzeitung, die Rheinpfalz, hat teilweise ein höheres Niveau. Zwar hat man den Eindruck, die Artikel seien gut recherchiert und mit genügend Hintergrundinformationen gespickt, doch lassen sie bezüglich Themenauswahl und Sprachqualität deutlich zu wünschen übrig. Unter anderem werden sehr häufig Fakten innerhalb eines Textes mehrmals wiederholt. Man sollte meinen die Aufmerksamkeitsspanne des gemeinen Engländers betrage nur wenige Sekunden, da viele Fakten innerhalb eines Textes stets wiederholt werden. So werden beispielsweise drei Mal Angaben dazu gemacht, wo der Soldat stationiert war und wo seine Familie denn nun trauert. Dies ist mir bereits bei so viel Artikeln aufgefallen, dass dies kein Zufall gewesen sein kann. Erwähnte ich bereits, dass die Fakten in den Zeitungsartikeln ständig wiederholt werden? Leider ist auch die Themenauswahl sehr.... eigen. Man stelle sich vor, die Bildzeitung hätte in jeder großen deutschen Tageszeitung ein eigenes Ressort. Dann hat man eine Vorstellung davon, wie ich ungläubig den Kopf schüttele, wenn hier im vollen Ernst die Hälfte der dritten Seite über UFOs, Ehedramen oder auch Gerichtsprozesse berichtet. Die anderen Hälfte teilen sich Werbung und ein Bild zum Artikel brüderlich untereinander auf. Zudem wiederholen sich manchmal diverse Sätze teilweise fast wortgleich immer wieder innerhalb der Texte. Aber was soll all dies Jammern, die Briten haben andere Stärken. Wie beispielsweise die Kreativität. Gerade bei Radiowerbung sind sie uns Deutschen um einiges voraus. Etwa jede dritte Werbung im Radio wird mehr oder minder gesungen, was einem dann unweigerlich im Kopf bleibt. Wer also die Nummer für einen Klempner, einen Fenstermacher oder auch für einen Optiker brauch: Sven fragen, ich sing Euch dann die Nummern vor. Zwar kann ich das nicht ganz so schön wie beispielsweise der Männerchor aus der Fensterwerbung, aber den Zweck erfüllts (Oh eighthundreeeeeed, thiiiiirty fiftyyyy thirtyyyyy... *gröhl*). Furchtbar das. Wird nur noch von dem Werbespot für eine Anwaltskanzlei übertroffen. Da werben ernsthaft (und das ist KEIN Scherz) Anwälte damit, dass sie bei Autounfällen mit Todesfolge, die durch Alkohol am Steuer begünstigt wurden, bei 2/3 ihrer Klienten erfolgreich die Gefängisstrafe von 5 auf 2 Jahre reduzieren konnten. Hallo gehts noch? Kurz im Stile der Times eine Wiederholung: Man trinkt, steigt dennoch hinters Steuer, fährt ein Kind tot und kommt aufgrund dieser Anwälte mit der Hälfte der Haftstrafe davon. Es folgte stets, zwei Werbungen dazwischen, eine Erläuterung, dass man bei vernünftiger Fahrweise diese Anwälte nie brauchen würde, doch schien mir das mehr als heuchlerisch. Das Aha Erlebnis bekam ich dann vor wenigen Tagen, als ich erneut eine schockierende Radiowerbung hörte: Pimp my Coffin! Sicher haben viele von “Pimp my Ride” gehört, eine Fernsehsendung, in der heruntergekommene Autos derart aufgemotzt und poliert werden, dass sie nicht mehr wiederzuerkennen sind. Nun, Coffin heißt Sarg, womit man sich dann den Inhalt der Werbesendung zusammenreimen kann. Sinngemäß sagte die Stimme also, man(n) könne sich seinen Sarg nun mit Spoilern, Verzierungen und Zusatzauspuff schmücken und dann von sechs leichtbekleideten Damen zu Grabe tragen lassen. Ich war echt baff und habe erst beim zweiten Male meinen Ohren getraut und erst beim vierten Hören kapiert, dass sowohl Anwalt- und Sargwerbung lediglich an das Gewissen der Autofahrer appellieren sollen.... typisch britisch. Pechschwarz. So eine Regierungs-Werbekampagne gäb es bei uns nicht. Ach, apropos Werbung. Es gab noch eine andere Radiowerbung, bei der ich meinen Ohren nicht traute. Kam da aus dem Lautsprecher doch: “Vohsprung dug Tegnik”. Heißt übersetzt soviel wie “Vorsprung durch Technik” und ist seit vielen Jahren der Werbespruch der Firma Audi hier in England. Wenn ich mich nicht sehr irre, kam dieser bei uns erst vor ein, zwei Jahren auf. Ebenso “Volkswagen: Das Auto”. Man muss einem Briten lediglich eine deutsche Automarke nennen, und etwa wie der pawlowsche Hund beim Glöckchen Speichel produziert, gibt der Engländer unweigerlich einen Teil seiner Deutschkenntnisse zum Besten. Sollte man mal aufnehmen, wenn man durch die Fußgängerzone läuft, den Nächstbesten anhaut und sagt: “Audi” und als Antwort ““Vohsprung dug Tegnik” zu hören bekommt. Bei meinem Gastvater hats funktioniert. Das Tollste ist aber, dass diese Sprüche, wie oben schon angedeutet, hier offenbar schon seit Jahren verwendet werden, während sie erst kürzlich bei uns ankamen. Sinn dahinter: Die Briten verbinden “deutsch” mit “Wertarbeit”. Solange also auf Deutsch geworben wird, glaubt man hier an gute Qualität. Schade nur, dass dies meist das einzige deutsche Vokabular ist. Ich geh dann mal ins Pub, Vokabeln abfragen. Abschließend noch ein Programmhinweis in eigener Sache: Oben auf dieser Seite könnt Ihr unter "abonnieren" eine E-Mailadresse angeben, dann bekommt Ihr bei Veröffentlichung eines neuen Textes eine kurze Mitteilung. Habe mich zu Testzwecken selbst eingetragen und kann bestätigen, dass man keinen SPAM oder Ähnliches erhält. Also guten Gewissens zu empfehlen. Zudem sind neue Bilder aus Brighton online. Wie immer dem Link rechts in der Leiste folgen.

Allen ein schönes Wochenende und auf bald. Im Anhang noch ein Bild von der Isle-of-Wight Fähre... das gäbs bei uns auch nicht.

Von Gemischtes

26.11.08 15:14

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