Das Ende der Unschuld

Massagen und andere peinliche Kulturunterschiede

Gestern stand ich in der Teeküche der Grundschule, in welcher ich zwei Mal die Woche hospitiere. Anwesend waren meine Mentorin, sowie zwei weitere Lehrerinnen, welche allesamt um die 30 waren. Die Damen kamen plötzlich auf die Toilette zu sprechen, welche nur von der Teeküche aus zu betreten ist und gerade repariert werden musste. Seltsames Gesprächsthema, dacht ich mir. Aber was als harmloser Smalltalk zum Überbrücken peinlicher Stille begann, sollte sich zum bisher größten Kulturschock meiner bisherigen Auslandshistorie entwickeln. Leider beließen es die drei Damen nicht dabei, darüber zu mutmaßen, wann die Keramik wieder in Dienst geht, sondern bestätigten sich gegenseitig darin, wie ungern sie diesen nicht ganz so stillen Ort nutzten. Da in der 2 Quadratmeter großen Teeküche immer Betrieb herrscht und das angrenzende Lehrerzimmer zudem nicht durch eine Tür getrennt ist, würde man alle möglichen Geräusche aus dem Kämmerchen auch im Lehrerzimmer vernehmen können. Da standen die Damen also, gingen in die Hocke, machten Gesten, untermalten diese mit “passenden” Geräuschen und amüsierten sich köstlich darüber, wie wohl die Kollegen im Lehrerzimmer während der Mittagspause in einem solchen Szenario reagierten, wenn man seinen Körpergeräuschen noch ein eiliges “Entschuldigung” hinterherschickt.
Bisher schien mir meine Mentorin äußerst korrekt und vorbildlich, wie man es eben von einer Person erwartet, die Verantwortung für über 20 Kinder trägt. Ich wartete auf Anzeichen dafür, dass alles nur ein Scherz ist, um mich auf meinen Humor hin zu testen. Vergebens. So tat ich, was wohl jeder Deutsche an meiner Stelle getan hätte und verhielt mich, als ob ich das Gespräch nicht verfolgen würde. Vielleicht hatten sie einfach im Eifer nur vergessen, dass ich mit dabei stand. Ich meine, es waren drei Frauen, die ich nicht mal mit Vornamen kenne und gerade 4 mal gesehen habe. Statt jedoch peinlich berührt das Thema zu wechseln, lachten sie mich an und versuchten, mich in das Gespräch mit einzubinden. Gott war das peinlich. Es sinkt für sie live: Das Niveau! Ich versuche nun das, was die Damen nicht geschafft haben. Ein Themawechsel.
Eine der Aupairs hatte vergangenen Montag Geburtstag. Als Geschenkidee bot sich eine Massage für die arme, gestresste Aupair-Dame an. In der Provinz eine Praxis zu finden war jedoch alles andere als einfach. Folglich suchte ich per Google und wurde umgehend fündig. Nun ja, die Startseite der gefundenen Massagepraxis schien etwas seltsam, wird da doch davor gewarnt, dass man eventuell Inhalte sehen könnte, die nicht jugendfrei seien. Aber schließlich bin ich ja in England, weiß doch jedes Kind, wie prüde es hier zugeht. Was ist denn schon dabei, wenn man Bilder aus einer Massagepraxis sieht? Die werden wohl kaum eine Kundengallerie online stellen. Wobei.... den Briten trau ich mittlerweile fast alles zu. Gefasst, das erste Mal in meinem Leben eine unbekleideten, weiblichen Rücken zu sehen, betrat ich also die Seite und war positiv erleichtert. Lediglich Text. Aber Moment.... Nur Informationen zu Kontaktaufnahme und Anfahrt. Wo ist den die Preisliste? Wir wollen ja schließlich wissen, ob unser zusammengelegtes Geld reicht, um der Guten auch wirklich eine Massage zukommen zu lassen. In diesem Moment fiel mir dann auf, welcher Natur die kleinen Grafiken am Rand des Textes waren.... Andere Länder, andere Sitten sag ich da nur (siehe http://www.newburymassage.co.uk/ für alle, die mitreden wollen). Da ich nicht zu meinem Gastvater rennen wollte um meine “Entdeckung” kundzutun (wie soll ich dem glaubhaft erklären, wie ich auf diese Seite kam?), bemühte ich abermals Herrn Google. Kurz zusammengefasst ist Prostitution in England nicht wirklich verboten, jedoch auch nicht öffentlich erlaubt. Unter dem “Massage Parlour Guide” ist Anschaffen quasi in einer rechtlichen Grauzone erlaubt. Finde ich allerdings sehr irreführend, auf der anderen Seite wiederum recht unterhaltsam, wenn ich mir einen britischen Lustmolch auf Geschäftsreise vorstelle, der an der Rezeption einer Massagepraxis einen Termin ausmachen will. Die Gesichter von Masseuren und Lustmolch, wenn das ganze Missverständnis auffliegt, würde ich sehr gerne sehen.

29.11.08 09:45

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