Das Ende der Unschuld 2 - Jetzt wirds grausam

Diese Woche hatte ich wieder einen dieser Momente, in denen mir bestätigt wurde, den richtigen Beruf ergriffen zu haben. Die Arbeit mit Kindern macht Spaß, aber es gibt manchmal Ereignisse, die einem besonders in Erinnerung bleiben oder einem zumindest den Tag versüßen. So wie diese Woche, als mich klein Shaun offenbar in sein Herz schloss. Ich saß an einem Gruppentisch und schnitt Vorlagen aus, als mich der goldige Fratz fragte: “Du, Sven, glaubst Du, den Weihnachtsmann gibt es?” Zutiefst überrascht und gleichzeitig entzückt meinte ich nur: “Ich glaube schon, wer soll sonst die ganzen Geschenke bringen?” Darauf erläuterte mir Shaun seine Theorie, wonach es viel zu viele Kinder gäbe, um alle vom Mann mit der roten Kutte beschenken zu lassen. Zudem habe seine Mutter verdächtig seltsam reagiert, als er ihr diese Frage stellte. Ich lauschte verzückt der kindlichen Logik, welche auf allem, aber nicht auf Gewissheit fundierte.
Neben meiner Verzückung drängte sich allerdings auch Erleichterung auf. Mir wurde bewusst, wie knapp der wunderbare Morgen ein tragisches Ende hätte nehmen können. Wären die Dinge etwas anders gekommen, hätte meine Anwesenheit in der Schule an diesem Tag fatale Auswirkungen haben können, die etliche Schüler das Leben gekostet und weltweit für Schlagzeilen gesorgt hätten. “Kulturell-motivierter Massen-Exodus in einer öffentlichen Bildungseinrichtung”. Und warum? Ich hatte eine kleine Einheit geplant, in der ich den Kindern von den deutschen Weihnachtsbräuchen berichten wollte. Darin hätte das Christkind selbstverständlich nicht fehlen dürfen, da der Typ mit dem Coca-Cola Mantel schon am 6. Dezember vor der Tür steht. Weil es sich um eine vierte Klasse handelte, ging ich nicht davon aus, dass eines der Kinder wirklich noch an fliegende Schlitten und übergewichtige Rentner mit Flauschbart glaubte. Daher hatte ich vor, diesen Glauben kräftig auf die Schippe zu nehmen... Gute Güte, ich sehe die blassen, verstört-ungläubig dreinschauenden Gesichter förmlich vor mir. Ich hätte von einem auf den andern Moment, ohne Vorwarnung, das Weltbild der Kinder umgeworfen und sie perspektivlos sich ihrerselbst überlassen. Von einem zum anderen Moment hätte ich ihr tiefstes Inneres in einen Scherbenhaufen verwandelt. Wer hätte die armen Schäfchen nur aufgefangen? Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie sie aus lauter Verzweiflung ihr Heil im Freitod wähnen und sich versuchen sich mit ihren Trinkflaschen zu ertränken oder gar ihre Plastik-Bastel-Scherchen heranziehen um sich auf grausame Weise das Leben zu nehmen. Einige hätten es sicher mit Fassung genommen, doch hätte ich es dennoch gerne anderen überlassen, sie vom rosa-verträumten Kindheitsstadium in die knallharte und grausame Welt der Adoleszenz zu überführen, wo Geschenke fortan von den Verwandten stammen.
Am Abend folgte dann das zweite überraschende Erlebnis des Tages. Nachdem ich mich nachmittags mit meinem Radiowecker rumplagte, welcher erst vor zwei Monaten bei Amazon gekauft wurde, rief ich abends bei deren Kundendienst an und arrangierte einen Umtausch. Ständig ging das Ding von alleine aus und ließ sich manchmal erst später wieder einschalten. Da ich am Laptop saß und mit dem Wecker Radio hörte, ging es mir gewaltig auf den Keks, dass die Kiste im 10 min Takt ausging. Die Uhrzeit konnte sich das Gerät komischerweise immer merken.
Beim Abendessen kam Familienvater Ian ins Esszimmer und erzählte Gastmutter Judith dann, der Strom sei heute mindestens 12 mal ausgefallen (Platz zum Einfüllen Eurer Häme). Zu meiner Verteidigung muss ich jedoch sagen, dass mein Laptop die ganze Zeit unbeeindruckt durchlief (und bevor einer kommt: ich betreibe ihn ohne Akku, sprich er hing an der Steckdose). Wie soll man da auf eine Stromschwankung kommen?

Nur noch knapp zwei Wochen bis zu meiner Rückkehr. In England werden Geschäfte, Straßen und Häuser bereits festlich geschmückt, scheint die freuen sich über meine Abreise. Ganz schön fies.

Allen ein schönes Wochenende,
der Sven.

6.12.08 10:20

Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen