Kriegsberichterstattung

Meinem geliebten Wald trauere ich noch immer nach. Immer wenn ich aus dem Haus gehe, sehe ich kilometerweit bis zum Horizont nur Weinreben. Zwar sind die auch mit Blättern behangen und grün, aber da alles in Reih und Glied steht, wirkt es dennoch sehr künstlich. Mir fehlt die Natur hier. Mir ist nach wie vor auch schleierhaft, wie man hier jagen kann. Erzählen mir die Drillinge in der Klasse doch immer wieder von ihren Jagdausflügen mit Opa in den Weinbergen. Vielleicht sehe ich das zu eng, aber als anständige Pfälzer Wildsau wäre mir das Nahrungsangebot doch etwas mager. Elf Monate im Jahr hungern, nur um sich im Herbst dann mit kiloweise Trauben einen mehrtägigen Vollrausch anzufressen, hört sich nicht nach einem erfüllten Leben an.
Doch gerade in letzter Zeit glaube ich, die Leute hier haben den Schuss nicht gehört. Ich komme mir vor wie am Hindukusch. Es knallt und pfeift hier alle paar Minuten. Während gestandene Veteranen sich wohl augenblicklich samt Handfeuerwaffe per Hechtsprung im Straßengraben verschanzen würden und nach dem Schützen Ausschau hielten, zucken die wochenendlichen Reisebus Insassen und wähnen je nach Alter und Herkunft russische oder französische Panzerverbände über die Hügel hereinbrechen.
Doch was hat es mit diesen Heckenschützen auf sich? Der ein oder andere hat es vielleicht bereits erraten. Diese Inszenierung dient dem Schutz der Traubenernte. Wo früher noch Oma mit Strickzeug in den Wingert geschickt wurde, um die Restbestände der beiden Weltkriege zu verfeuern, stehen heute hochmoderne Selbstschussanlagen mit Bewegungssensor, die alles zu Klump schießen, was sich zwischen den Reben bewegt. Naja, fast. In regelmäßigen Abständen stehen silberne Kästen, die in gewissen Intervallen per Gasdruck prophylaktisch „schießen“, um so die Vögel fern zu halten. Doch die schiere Anzahl dieser Kästen und das Fehlen größerer Schallbarrieren führt zu einem wunderschönen und weithin vernehmbaren Konzert, was Silvester schon zum Sommerende ermöglicht und ganzen Wingert-Wildsau-Populationen den Tod durch Herzversagen bringt.
Jeden Tag knallts in der Pfalz. Seither kann man nicht mehr durch die Wingerte (also eigentlich nirgendwo mehr hin) laufen. Diese Trommelfell-Terroristen dürfen zwar nicht an offiziellen Wegen stehen, doch sind sie meist so platziert, dass man sie erst im letzten Moment sieht, wenn man irgendwo ums Eck biegt. Die spinnen, die Winzer.


Zum Abschluss noch eine Anekdote aus dem Lehrerzimmer. Vor zwei Wochen waren die Verkehrspolizisten da und haben die Kinder mit dem Fahrrad trainiert. In der Pause saßen sie bei uns und man hat sich über Handschellen unterhalten und darüber, dass sie immer mehr durch Kabelbinder abgelöst werden. Da sagte einer der beiden Wachtmeister, ein Junge hätte mal auf seine Handschellen gedeutet und meinte: „Solche hat die Mama auch!“ Aber bei der Polizei war sie nicht…

Allen Lesern eine schöne Woche und alles Gute,
Sven.

21.9.09 19:37

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bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


(21.9.09 21:00)
Hallo Sven,
freue mich mal wieder was von Dir an dieser Stelle
zu hören.
Gruß Helmut


Veronika (29.11.09 00:45)
Also bei uns am Bodensee werden über die Weinreben kilometerlange Netze gehängt.
Nahezu eine revolutionäre Idee, wie mir scheint...

PS: Stimmt das Eintragsdatum deines Beitrages? Ich meine, ich wäre in der Zwischenzeit auf deiner Seite gewesen und habe dort keinen neuen Beitrag entdecken können.

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