England

Die unerträgliche Leichtigkeit des Baugewerbes

Zu Beginn meines Aufenthaltes habe ich in einem Zeitungsartikel (irgend so ein Käseblatt.... Times oder so) Tagebucheinträge eines britischen Soldaten im ersten Weltkrieg gelesen. Er verglich unter anderem die Kriegsmaschinerie der beteiligten Parteien und stellte beispielsweise englische und deutsche Handgranaten gegenüber. Seiner Meinung nach war das deutsche Produkt viel filigraner, technisch ausgereifter und dem britischen Pendant einfach weit voraus. Etwa so ging es mir damals in Kanada, als ich diese riesigen Waschmaschinen sah, nur eben andersherum. Fast doppelt so groß wie bei uns, allerdings nur für kaltes, warmes und heißes Waschen ausgelegt. Zudem hatten diese von oben zu befüllenden Monster lediglich eine Art Zauberstab in der Mitte, welcher die Wäsche durchrührte. Vielleicht saß gar ein kleiner Affe mit Schnorchel drin, der das Ganze bediente. Effizient ist anders und fortschrittlich hätte man das bei uns schon in der französischen Besatzungszone nicht mehr genannt. Es schien mir daher fast wie ein Déjà vu, als ich hier die englische Bauweise kennenlernte. Eines der Kinder lernte im Physik die wunderbare Technik der Doppelverglasung kennen. Was bei uns eigentlich seit langem Standard ist, kam hier erst in den letzten Jahren in Mode. Alles, was zwischen der Geburt Christi und den 90ern gebaut wurde, hat einfach verglaste Fenster mit leichten Holzrahmen um Licht durchzulassen. Schalldichte, Wärmeisolierung und Stabilität betreffend, rangieren diese Fenster irgendwo zwischen Küchenfolie und Zeltplane. Manchmal denke ich, man merke keinen Unterschied zwischen offenem und geschlossenem Fenster. Die Weihnachtsbeleuchtung wird hier beispielsweise von Innen mit Strom gefüttert. Und wo geht dann das Stromkabel nach draußen? Richtig, durchs Fenster. Erschreckenderweise kann man die Fenster trotz durchlaufendem Kabel noch problemlos schließen. Da sieht man, wie “dicht” diese Dinger abschließen. Ich versuch das morgen mal mit einem Trockner-Abluft Rohr. Sehe da keine Probleme. Wer sich die Bilder vom Haus angesehen hat weiß, dass selbiges noch keine 30 Jahre auf dem Buckel hat. Beim Anbringen der Weihnachtsbeleuchtung wurde mir übrigens bestätigt, dass der Rest des Hauses auch nicht viel solider ist. Leider. Einen ganzen, geschlagenen Tag lief eine Schlumpf-Weihnachts CD. Kann man sich vorstellen wie die Fischerchöre auf Koks und Helium. Man wollte mir die Vorfreude wohl mich brachialer Gewalt einflößen. Die Musik aus der Mini-Sereoanlage im Raum schräg über mir war dabei derart klar in meinem Zimmer zu vernehmen, dass ich mich eher mittedrin statt nur dabei wähnte.
Eine andere britische Eigenart ist das Anbringen von hängenden Schaltern. Für Lichtschalter, Wasserboiler, elektrische Heizkörper oder eigentlich alles, was stationär betrieben wird, gibt es eine hängende Ausführung. Etwa wie ein Bembel im Klo, welcher die Spülung betätig, hängen hier Schnüre von der Decke.

Von Gemischtes
Von Gemischtes
Man erspart sich so wohl das umständliche Verlegen von Kabeln durch die Wand und kann sich zudem, wenn man sturzbesoffen vom Pub nach Hause fällt, wie King Kong durch die Wohnung hangeln. Von einem Schalter zum nächsten. Wie hoch allerdings das staatlich zulässige Höchstgewicht für britische, mit Alkohol durchtränkte Primaten beim Schwingen von Leine zu Leine ist, habe ich noch nicht erfahren. Viel kann es jedoch nicht sein. Zumindest nicht von meinen Erfahrungen ausgehend. Neulich habe ich ein Foto von der Wand abgemacht. Der Tesa hat dabei den Putz von der Wand gerissen. Nun prangert da ein Loch von der Größe einer 2€ Münze. Familienvater Ian sagt nur gelassen, man nehme für derartige Belange kein Tesafilm, da dieser zu stark sei?! Alles klar, soviel zur Wertarbeit.

Im Übrigen fliege ich am Samstag nach Hause und werde gegen 10Uhr abends wieder auf meinem deutschen Mobiltelefon erreichbar sein. Neue Bilder sind auch online.

18.12.08 23:41, kommentieren

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Das Ende der Unschuld 2 - Jetzt wirds grausam

Diese Woche hatte ich wieder einen dieser Momente, in denen mir bestätigt wurde, den richtigen Beruf ergriffen zu haben. Die Arbeit mit Kindern macht Spaß, aber es gibt manchmal Ereignisse, die einem besonders in Erinnerung bleiben oder einem zumindest den Tag versüßen. So wie diese Woche, als mich klein Shaun offenbar in sein Herz schloss. Ich saß an einem Gruppentisch und schnitt Vorlagen aus, als mich der goldige Fratz fragte: “Du, Sven, glaubst Du, den Weihnachtsmann gibt es?” Zutiefst überrascht und gleichzeitig entzückt meinte ich nur: “Ich glaube schon, wer soll sonst die ganzen Geschenke bringen?” Darauf erläuterte mir Shaun seine Theorie, wonach es viel zu viele Kinder gäbe, um alle vom Mann mit der roten Kutte beschenken zu lassen. Zudem habe seine Mutter verdächtig seltsam reagiert, als er ihr diese Frage stellte. Ich lauschte verzückt der kindlichen Logik, welche auf allem, aber nicht auf Gewissheit fundierte.
Neben meiner Verzückung drängte sich allerdings auch Erleichterung auf. Mir wurde bewusst, wie knapp der wunderbare Morgen ein tragisches Ende hätte nehmen können. Wären die Dinge etwas anders gekommen, hätte meine Anwesenheit in der Schule an diesem Tag fatale Auswirkungen haben können, die etliche Schüler das Leben gekostet und weltweit für Schlagzeilen gesorgt hätten. “Kulturell-motivierter Massen-Exodus in einer öffentlichen Bildungseinrichtung”. Und warum? Ich hatte eine kleine Einheit geplant, in der ich den Kindern von den deutschen Weihnachtsbräuchen berichten wollte. Darin hätte das Christkind selbstverständlich nicht fehlen dürfen, da der Typ mit dem Coca-Cola Mantel schon am 6. Dezember vor der Tür steht. Weil es sich um eine vierte Klasse handelte, ging ich nicht davon aus, dass eines der Kinder wirklich noch an fliegende Schlitten und übergewichtige Rentner mit Flauschbart glaubte. Daher hatte ich vor, diesen Glauben kräftig auf die Schippe zu nehmen... Gute Güte, ich sehe die blassen, verstört-ungläubig dreinschauenden Gesichter förmlich vor mir. Ich hätte von einem auf den andern Moment, ohne Vorwarnung, das Weltbild der Kinder umgeworfen und sie perspektivlos sich ihrerselbst überlassen. Von einem zum anderen Moment hätte ich ihr tiefstes Inneres in einen Scherbenhaufen verwandelt. Wer hätte die armen Schäfchen nur aufgefangen? Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie sie aus lauter Verzweiflung ihr Heil im Freitod wähnen und sich versuchen sich mit ihren Trinkflaschen zu ertränken oder gar ihre Plastik-Bastel-Scherchen heranziehen um sich auf grausame Weise das Leben zu nehmen. Einige hätten es sicher mit Fassung genommen, doch hätte ich es dennoch gerne anderen überlassen, sie vom rosa-verträumten Kindheitsstadium in die knallharte und grausame Welt der Adoleszenz zu überführen, wo Geschenke fortan von den Verwandten stammen.
Am Abend folgte dann das zweite überraschende Erlebnis des Tages. Nachdem ich mich nachmittags mit meinem Radiowecker rumplagte, welcher erst vor zwei Monaten bei Amazon gekauft wurde, rief ich abends bei deren Kundendienst an und arrangierte einen Umtausch. Ständig ging das Ding von alleine aus und ließ sich manchmal erst später wieder einschalten. Da ich am Laptop saß und mit dem Wecker Radio hörte, ging es mir gewaltig auf den Keks, dass die Kiste im 10 min Takt ausging. Die Uhrzeit konnte sich das Gerät komischerweise immer merken.
Beim Abendessen kam Familienvater Ian ins Esszimmer und erzählte Gastmutter Judith dann, der Strom sei heute mindestens 12 mal ausgefallen (Platz zum Einfüllen Eurer Häme). Zu meiner Verteidigung muss ich jedoch sagen, dass mein Laptop die ganze Zeit unbeeindruckt durchlief (und bevor einer kommt: ich betreibe ihn ohne Akku, sprich er hing an der Steckdose). Wie soll man da auf eine Stromschwankung kommen?

Nur noch knapp zwei Wochen bis zu meiner Rückkehr. In England werden Geschäfte, Straßen und Häuser bereits festlich geschmückt, scheint die freuen sich über meine Abreise. Ganz schön fies.

Allen ein schönes Wochenende,
der Sven.

6.12.08 10:20, kommentieren

Das Ende der Unschuld

Massagen und andere peinliche Kulturunterschiede

Gestern stand ich in der Teeküche der Grundschule, in welcher ich zwei Mal die Woche hospitiere. Anwesend waren meine Mentorin, sowie zwei weitere Lehrerinnen, welche allesamt um die 30 waren. Die Damen kamen plötzlich auf die Toilette zu sprechen, welche nur von der Teeküche aus zu betreten ist und gerade repariert werden musste. Seltsames Gesprächsthema, dacht ich mir. Aber was als harmloser Smalltalk zum Überbrücken peinlicher Stille begann, sollte sich zum bisher größten Kulturschock meiner bisherigen Auslandshistorie entwickeln. Leider beließen es die drei Damen nicht dabei, darüber zu mutmaßen, wann die Keramik wieder in Dienst geht, sondern bestätigten sich gegenseitig darin, wie ungern sie diesen nicht ganz so stillen Ort nutzten. Da in der 2 Quadratmeter großen Teeküche immer Betrieb herrscht und das angrenzende Lehrerzimmer zudem nicht durch eine Tür getrennt ist, würde man alle möglichen Geräusche aus dem Kämmerchen auch im Lehrerzimmer vernehmen können. Da standen die Damen also, gingen in die Hocke, machten Gesten, untermalten diese mit “passenden” Geräuschen und amüsierten sich köstlich darüber, wie wohl die Kollegen im Lehrerzimmer während der Mittagspause in einem solchen Szenario reagierten, wenn man seinen Körpergeräuschen noch ein eiliges “Entschuldigung” hinterherschickt.
Bisher schien mir meine Mentorin äußerst korrekt und vorbildlich, wie man es eben von einer Person erwartet, die Verantwortung für über 20 Kinder trägt. Ich wartete auf Anzeichen dafür, dass alles nur ein Scherz ist, um mich auf meinen Humor hin zu testen. Vergebens. So tat ich, was wohl jeder Deutsche an meiner Stelle getan hätte und verhielt mich, als ob ich das Gespräch nicht verfolgen würde. Vielleicht hatten sie einfach im Eifer nur vergessen, dass ich mit dabei stand. Ich meine, es waren drei Frauen, die ich nicht mal mit Vornamen kenne und gerade 4 mal gesehen habe. Statt jedoch peinlich berührt das Thema zu wechseln, lachten sie mich an und versuchten, mich in das Gespräch mit einzubinden. Gott war das peinlich. Es sinkt für sie live: Das Niveau! Ich versuche nun das, was die Damen nicht geschafft haben. Ein Themawechsel.
Eine der Aupairs hatte vergangenen Montag Geburtstag. Als Geschenkidee bot sich eine Massage für die arme, gestresste Aupair-Dame an. In der Provinz eine Praxis zu finden war jedoch alles andere als einfach. Folglich suchte ich per Google und wurde umgehend fündig. Nun ja, die Startseite der gefundenen Massagepraxis schien etwas seltsam, wird da doch davor gewarnt, dass man eventuell Inhalte sehen könnte, die nicht jugendfrei seien. Aber schließlich bin ich ja in England, weiß doch jedes Kind, wie prüde es hier zugeht. Was ist denn schon dabei, wenn man Bilder aus einer Massagepraxis sieht? Die werden wohl kaum eine Kundengallerie online stellen. Wobei.... den Briten trau ich mittlerweile fast alles zu. Gefasst, das erste Mal in meinem Leben eine unbekleideten, weiblichen Rücken zu sehen, betrat ich also die Seite und war positiv erleichtert. Lediglich Text. Aber Moment.... Nur Informationen zu Kontaktaufnahme und Anfahrt. Wo ist den die Preisliste? Wir wollen ja schließlich wissen, ob unser zusammengelegtes Geld reicht, um der Guten auch wirklich eine Massage zukommen zu lassen. In diesem Moment fiel mir dann auf, welcher Natur die kleinen Grafiken am Rand des Textes waren.... Andere Länder, andere Sitten sag ich da nur (siehe http://www.newburymassage.co.uk/ für alle, die mitreden wollen). Da ich nicht zu meinem Gastvater rennen wollte um meine “Entdeckung” kundzutun (wie soll ich dem glaubhaft erklären, wie ich auf diese Seite kam?), bemühte ich abermals Herrn Google. Kurz zusammengefasst ist Prostitution in England nicht wirklich verboten, jedoch auch nicht öffentlich erlaubt. Unter dem “Massage Parlour Guide” ist Anschaffen quasi in einer rechtlichen Grauzone erlaubt. Finde ich allerdings sehr irreführend, auf der anderen Seite wiederum recht unterhaltsam, wenn ich mir einen britischen Lustmolch auf Geschäftsreise vorstelle, der an der Rezeption einer Massagepraxis einen Termin ausmachen will. Die Gesichter von Masseuren und Lustmolch, wenn das ganze Missverständnis auffliegt, würde ich sehr gerne sehen.

29.11.08 09:45, kommentieren